Podiumsdiskussion PDF Drucken

Podiumsdiskussion zum Aktionstag stößt auf reges Interesse

Trotz der sommerlichen Temperaturen stieß die von uns angeregte, organisierte und durchgeführte Podiumsdiskussion anlässlich des Aktionstages zum 200. Geburtstag von Adolf Kolping auf reges Interesse bei rund 90 Zuhörern. Dass die Ideale des berühmten und 1991 seliggesprochenen katholischen Sozialreformers aktueller denn je sind, zeigten nicht zuletzt die Positionen der sorgfältig ausgewählten Diskussionsteilnehmer aus Kirche, Wirtschaft, Politik und Familie.

Unser Ehrenvorsitzende Peter Laubmayer hatte einen 40 Fragen umfassenden Katalog zusammengestellt, der die Bereiche Sozialpolitik, Bildung, Familienpolitik, Klimawende, Kommunalpolitik und nicht zuletzt die Bankenkrise abdeckte. Nach der Begrüßung unseres 1. Kolpingsvorsitzendem Rainer Neubauer übernahm 2. Vorsitzender Florian Brücklmaier das Mikrophon und moderierte die Veranstaltung, nicht ohne die Diskussionsrunde vorzustellen: Stadtpfarrer Josef Paulus, der Präsident der Arbeitgeber Metall und Elektro in Bayern Alfred Gaffal,

1. Bürgermeister Josef Reiser und Ludowika Besl als Vertreterin einer jungen Familie hatten für die Zuhörer interessante Positionen sowohl aus fachlicher wie aus persönlicher Sicht parat.

Viel Applaus für ihre ehrlichen und sehr realitätsbezogenen Ansichten bekam Ludowika Besl. Die Hausfrau und zweifache Mutter, die wie übrigens alle anderen Diskussionsteilnehmer seit ihrer Jugend Kolpingmitglied ist, vertrat die Position der „jungen Familie“ mit bei Weitem nicht immer politikkonformen Ansichten: So war sie der Meinung, dass ein Elternteil auf jeden Fall zu Hause bleiben sollte, solange die Kinder noch im Grundschulalter sind. Und: die Arbeit der Hausfrau müsse wieder mehr Anerkennung finden.

Ihrer Ansicht nach helfe längerfristig nur „Sparen“, um der Armutsfalle etwa durch nur ein Einkommen im Alter zu entgehen. Am Schulsystem hatte Ludowika Besl nichts auszusetzen - hier seien lediglich des Öfteren Kinder vielleicht einfach nur auf den falschen Bildungszweigen - , allerdings forderte sie, dass Bildung in jedem Falle kostenlos sein müsse. Wünschenswert seien auch kleinere Klassen und mehr Lehrer. Die Ganztagsschule, so die zweifache Mutter, sei nicht immer der richtige Weg, weil sie das Familienleben ihrer Meinung nach eher zerreißen.

Obwohl seit ihrer Heirat in Obersüßbach beheimatet, ist die gebürtige Mainburgerin Ludowika Besl, mit dem Schul- sowie dem Freizeitangebot in der Hopfenstadt zufrieden. Ihre wichtigste Forderung: „die Familien müssen sich hier wohlfühlen, Mainburg muss eine Wohfühlstadt bleiben!“

Dies Aussage hörte auch Bürgermeister Josef Reiser sehr gerne, legte er doch die Bemühungen der Stadt um dieses Ziel ausführlich dar, sowohl was die Investitionen in erneuerbare Energien als auch die Schulpolitik angehe. Was die Kürzungen der Sozialleistungen angehe, so der Bürgermeister, so sei hier nicht die Politik gefordert, sondern vielmehr die Gesellschaft. Es gebe Hartz IV- Empfänger in der dritten Generation, so das Stadtoberhaupt. Hier gelte es, anzusetzen und zu sehen, dass sich hier in der Einstellung etwas ändere. Allerdings müsse man bei vielen Berufen auch nachdenken, ob es der Gesellschaft nicht wert sei, diese besser zu honorieren, damit Arbeitnehmer auch wirklich von ihrer Arbeit leben könnten.

Lob für Ehrenamtliche
Nicht hoch genug loben konnte der Bürgermeister alle, die ehrenamtlich tätig sind. Gerade bei der jüngsten Hochwasserkatastrophe habe sich gezeigt, dass eine Gesellschaft nur mit ehrenamtlichem Engagement funktioniere. Was die Kompabilität von Familie und Beruf angeht, so richtete Josef Reiser - selbst Vater von fünf Kindern - einen Appell an die Arbeitgeber und plädierte für noch mehr flexible Arbeitszeiten, wie sie etwa im Mainburger Rathaus schon gehandhabt würden.

Während der Rathauschef in Sachen Einkommen eine immer größere Diskrepanz zwischen arm und reich festgestellt haben wollte, widersprach ihm hier Arbeitgeberpräsident Alfred Gaffal: Es habe in der jüngsten Zeit durchaus Lohnsteigerungen gegeben, und nur noch wenige Reiche seien noch reicher geworden. Was das Armutsrisiko angehe, so seien hier die Singlehaushalte wohl das größte Problem. Die vielumstrittene Zeitarbeit ist nach Ansicht des Arbeitgeberpräsidenten ein wichtiges Instrument, um etwa Schulabbrecher wiedereinzugliedern oder für Firmen, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. So habe die Firma Wolf, deren Ex-Chef und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender Gaffal ist, in den letzten drei Jahren über 100 Mitarbeiter aus Zeitarbeitsverträgen übernommen.

Auch, was die allgemeine Meinung angehe, schlechtbezahlte Minijobs würden immer mehr, konterte Gaffal. Mit derartigen Einkommensquellen würden sich meist Rentner oder Studenten ein Zubrot verdienen. Vielmehr habe man durch die umfassende Reform durch die Agenda 2010 drei Millionen Erwerbstätige mehr als noch vor zehn Jahren. Jetzt gelte es in Deutschland, auf die Arbeitskosten zu achten, die in Deutschland derzeit bei 37 Euro in der Stunde liegen, während Bulgarien mit Arbeitskosten von nur drei Euro rechne. „Wir müssen das, was wir teurer sind, auch besser sein“, appellierte Alfred Gaffal an die Versammlung. Seine Heimatstadt Mainburg betrachtet Alfred Gaffal inzwischen als „Mittelzentrum“ - wünschenswert sei hier jetzt noch ein Hotel. Die Steuern sprudelten, und jetzt müsste man in die Zukunft und in den technischen Fortschritt investieren - sprich, auch in die Ausbildung. Als Negativbeispiel nannte Gaffal Spanien mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 59 Prozent: „Das ist der Boden für eine Revolution“, gab der Arbeitgeberpräsident zu bedenken.

„Fördern und fordern“ müsse man Jugendliche in der Ausbildung - darin waren sich alle Podiumsdiskussionsteilnehmer einig. „Bildung ist ein wesentlicher Faktor“, stellte auch Stadtpfarrer Josef Paulus in seinen Statements fest, und gerade, was die Grundlagenforschung angehe, stehe Deutschland gut da. Allerdings fehle es an einem „Masterplan“, wie er auch zur Vermeidung künftiger Hochwasserkatastrophen notwendig sei. Denn, wenn man einem Buch, das der Pfarrer kürzlich erst gelesen hat, Glauben schenkt, wird sich das Klima in den nächsten Jahren durchaus verändern - und auch die Naturkatastrophen werden zunehmen, so Paulus. Unser Leben sei bedroht auch durch die zunehmende Umweltzerstörung.

Eine Gefahr sieht der Geistliche in den Bestrebungen der EU, das Wasserrecht zu privatisieren, „damit die Konzerne es sich unter den Nagel reißen“. Ähnlich wie beim Auslöser der Bankenkrise, die ebenfalls angesprochen wurde, sei hier die Gier auf den Mammon ausschlaggebend. Hier zeigte sich einmal mehr, wie der Pfarrer gleich in seiner ersten Antwort klarmachte, dass die Ziele Adolf Kolpings immer noch ihren Wert hätten: Dass Christen gefordert seien, die Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen und positiv zu wirken.

Was seine ganz persönliche Befindlichkeit derzeit angehe, so habe der Stadtpfarrer, der seit 2010 in der Hopfenstadt wirkt, für sich in Mainburg eine neue Heimat gefunden, wo er sich sehr wohl und zu Hause fühle. Als Schlusssatz gab er den Besuchern mit, über den Satz nachzudenken: „So mancher rennt dem Glück hinterher und weiß nicht, dass er es zu Hause hat!“

Podiumsdiskussion 13.06.2013 Kolpingsfamilie Mainburg
vlnr.: Alfred Gaffal - Präsident der Arbeitgeber Metall und Elektro in Bayern, Stadtpfarrer Josef Paulus, Florian Brücklmaier - 2. Vorsitzender,
Ludowika Besl, Josef Reiser - 1. Bürgermeister von Mainburg